Warum gelingt Kommunikation nicht?

Warum gelingt die Kommunikation zwischen getrennt lebenden Eltern oft nicht richtig?

Eine Mutter sagt: „Ich mache mir Sorgen, weil unsere Tochter nachts einnässt. Vielleicht liegt es an ihrem Medienkonsum?“ Der Vater darauf: „ Wie du glaubst, dass ich sie zu viel Videos schauen lasse? Bei dir passiert das natürlich nicht!“
Einen andere Reaktion auf die Frage des Vaters hätte auch folgendermaßen ausfallen können.
„Hm… darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Wieviel schaut sie denn, wenn sie bei dir ist?“

Getrennt lebende Paare haben oft eine Vergangenheit, in der jeder von ihnen starke Verletzungen oder tiefe Traurigkeit erlebt hat oder noch erlebt, die durch den anderen ausgelöst wurden.

Die Beziehungsebene der Eltern hat hierdurch immens gelitten, was zur Folge hat, dass sich die Qualität ihrer Beziehung auf einem niedrigen Niveau befindet. Dies ist ein Hauptaspekt, warum es vielen getrenntlebenden Eltern so unendlich schwer fällt, konstruktiv und wohlwollend zu kommunizieren.

Nehmen wir dazu Paul Watzlawik zu Rate, der mit seinen fünf Axiomen der Kommunikation verdeutlichen wollte, wie Störungen in der Kommunikation entstehen. Er zeigt durch sein zweites Axiom auf, dass ein gesprochener Satz immer eine Inhalts- und eine Beziehungsebene hat.

Auf der Inhaltsebene befindet sich die Sachinformation. Worum geht es in der Information? In der Beziehungsebene verbirgt sich die Beziehung zwischen Sender und Empfänger. Wie steht der Sender zu seinem Gegenüber? Wie sind die bisherigen Erfahrungen und insbesondere die individuellen Gefühle, die miteinander geteilt werden? Die Beziehungsebene schließt auch die Gestik, Mimik und der Tonfall des Sprechenden mit ein, die sich zudem maßgeblich darauf auswirken, wie der Empfänger das Gesprochene wahrnimmt.

Das eben beschriebene zweite Axiom Watzlawiks gibt ein Erklärungsansatz, warum zwischen getrenntlebenden Eltern Kommunikation oftmals so schwierig ist und warum ihre Kommunikation so viele Hürden beinhaltet, die das Gelingen des Austauschs verhindern.

Wie im Eingangsbeispiel deutlich wird, reagieren Eltern im meinen Beratungen sehr häufig skeptisch und rechtfertigend auf die Mitteilungen des Anderen und die negativ gespeicherten Emotionen spielen eine starke Rolle. Das Beziehungsohr ist sehr aktiv und es entstehen fehlerhafte Interpretationen der Mitteilungen. Der Vater hier empfindet die Frage der Mutter als Anschuldigung, obwohl sie von ihr auch lediglich sorgenreich gemeint gewesen sein könnte.

Nach meinem persönlichen Empfinden kann das Beratungssetting Unsicherheiten, wie die Aussagen des Gegenübers aufzunehmen sind, sogar noch verstärken. Stellt er/sie sich hier nur gut dar und im Nachhinein ist alles nicht mehr relevant?

 

Schon diese kurze Betrachtung zeigt, dass gelingende Kommunikation in gestörten Beziehungen alles andere als einfach ist und von den Beteiligten ein hohes Maß an Selbstreflexion erfordert, um dennoch für das Kind bzw. die Kinder förderlich miteinander zusammen zu arbeiten. 

 

Das Beratungssetting bietet aber auch eine große Chance für die Eltern. Durch die fachliche Begleitung, einen neutralen und sicheren Ort für die Klienten, klare Kommunikationsregeln und das Vertrauen in die Berater*in haben sie die Möglichkeit, neue Erfahrungen miteinander zu machen und Kommunikation als wirkungsvoll und zielführend zu erleben. In den Beratungsgesprächen versuche ich, die Väter und Mütter bewusst auf die Sachebene zu lenken und Kommunikationsmuster zu durchbrechen. Zum Beispiel rate ich Elternpaaren hin und wieder, auf das Gesagte zunächst gar nicht zu reagieren, sondern die Botschaft mit einem zweiten Blick zu betrachten und dann zu antworten, wenn sie möchten. Gerade spontane Reaktionen sind oft emotional aufgeladen. Die Vermittlung der Theorie von Watzlawik durch Visualisierung kann diesen Veränderungsprozess unterstützen und den Eltern eine veränderte Sichtweise und Verständnis für sich selbst und andere ermöglichen.

Die beschriebene Kommunikationsstörung ist übrigens keineswegs nur bei getrennt lebenden Eltern anzutreffen, sondern das Muster vieler Beziehungen.